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Bernhard (Nick) Leidner
 


Dipl. Psychologe und Cellist,
Würsellen


Der Psychologe und Cellist Bernhard Leidner, genannt Nick, hat es faustdick hinter den Ohren. Aus einem einfachen Grund: Er liebt das Leben, so wie es ist und bereichert es so nebenbei durch existenzielle Texte und nonkonformer Musik. Dabei spielt er gerne blind, während er sein Gegenüber musikalisch porträtiert. Er nimmt ohne zu sehen das Wesen in sich auf und antwortet als Sehender mit dem Cello. Nonverbale Kommunikation als Ausdruck von gefühlter Wahrheit, ein geschriebens Wort als Verweiß auf Wir. Wer will, muss endlich mitmachen!

...über das
endliche Müssen!

Über das kollektive Müssen oder
10 Variationen über ein Thema von Ernst Jandl

Thema:
wenn einer mich strenge anschaut
wie ein Gedankenleser
sage ich gleich: ja, ich habe es getan
aber wenn er meine Gedanken wirklich lesen könnte
würde er dort ein großes NEIN lesen
für das mein Mund viel zu klein ist
der ist ja grad noch groß genug
für das kleine ja

Variation 1:Wir müssen!
Kirchenlenker, Staatsführer, Parteilenker, Unternehmensvorsteher, Vereinspräsidenten, Stardirigenten, Malerfürsten, Leitartikler und viele andere Menschen, die gerne
möchten, dass ich mir ihre Meinung bilde, lieben diesen Satzanfang: „Wir müssen ...!“ Sie fügen hinzu, was „wir“ müssen. Meistens müssen „wir“ von etwas mehr tun, gerne auch ergänzt durch den Zusatz „wieder“. Beliebt auch die Wendung, dass „wir“ etwas weniger tun müssen oder gar nicht oder ganz anders als bisher. Alarmiert höre ich zu, weil die Wortwahl mich aufgerüttelt hat. „Müssen“, das klingt nach Notlage, Katastrophe, Dringlichkeit, äußerster Wichtigkeit. „Wir“, dass klingt nach der Notwendigkeit, alle Kräfte zu bündeln: Ich darf abseits stehen, will ich mich nicht versündigen an der gemeinsam zu verantwortenden Schicksalsmeisterung.

Variation 2: Wir müssen!
Ich höre, bin alarmiert, aber nie sehe ich mich auf die Strasse rennen, um mit heiligem Ernst meinen Teil des„ Müssens“ pflichtschuldigst beizutragen. Nicht, dass mir grundsätzlich die Bereitschaft fehlen würde, im übertragenen und im eigentlichen Sinn des Wortes in die Hände zu spucken. Nein! Ich höre mich Sätze sagen, die mit „nein“ beginnen. Mein Herz erlaubt „wir“ als Wörtchen für meine Frau und meine Kinder, für meine Verwandten, für meine Freunde und für Kollegen, mit denen ich eng zusammenarbeite. Schließlich handelt es sich, um einmal daran zu erinnern, bei dem „wir“ nicht um das unpersönliche, sondern um das persönliches Fürwort der ersten Person Plural.

Variation 3: Wir müssen!
Ich höre immer: „Du“ musst ..., und zwar anders beten, wählen, arbeiten, CD´s kaufen, Bilder anschauen, denken. Ich höre, dass ich verpflichtet werde! Ich höre, dass ich umdenken, umhandeln, umfühlen soll. Ich höre: Jetzt ist Schluss mit den alten Fehlern! Schluss mit Fehlern, die auch ich begangen haben soll, die ganze Zeit, ohne es zu bemerken, ich Trottel! Ich will nicht verantwortlich gemacht werden für Notlagen, die ich nicht verursacht habe.

Variation 4: „Wir müssen!
Kaminabende, zu denen führende Unternehmensvertreter eingeladen werden, um mit dem Management- Nachwuchs ins Gespräch zu kommen, sind sehr beliebt im Rahmen von Führungsseminaren und High-potential-Schulungen. Auf einem dieser Kaminabende referierte ein Personalchef zum Thema, was ihn denn erfolgreich gemacht habe. Sein Patentrezept war „Flexibilität.“ Dementsprechend unvermeidlich der Satz: „Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir viel flexibler werden!“ Keiner der Teilnehmer traute sich die Frage auszusprechen, die im Raum stand: „Wie hältst Du es persönlich mit der Flexibilität?“ Wussten doch alle, dass es in der Biographie dieses Managers keine Ortswechsel, keine Auslandsaufenthalte, keine Themenwechsel, keine Firmenwechsel gegeben hatte.

Variation 5: „Wir müssen“
Wenn es sich denn wenigstens um den pluralis maiestatis handeln würde, der in dem Wörtchen „wir“ steckte. Dann wäre ich Ohrenzeuge einer öffentlichen Selbstverpflichtung. Dann hieße es: „Ich muss anders beten, wählen, arbeiten, CD´s kaufen, Bilder anschauen, denken.“ Das wäre aufregend, seine Majestät dabei zu beobachten, wie sie die Selbstverpflichtung eingelöst, welche Erfahrungen seine Majestät mit dem selbst auferlegten Änderungsprozess machen würde. Ich könnte daraus für meine eigene Lebensführung lernen. Ich hätte aber auch die Möglichkeit eines achselzuckenden „So what?“ Aber ich höre nicht den pluralis maiestatis, auch keine Selbstverpflichtung. Ich frage mich immer: Wozu braucht der mich bei seinem Müssen? Warum wird mir nicht überlassen, selbst herauszufinden, was gut ist.

Variation 6: „Wir müssen “
In den Medien wird bei Interviews nie gefragt, was der Autor dieser Worte eigentlich mit dem “wir müssen“ meint. Geredet wird darüber, was gemusst werden muss. Meistens spürt man zwischen Interviewtem und dem Journalist eine Unterschiedlichkeit in der Sache, also ob „wir“ vielleicht besser dieses oder jenes müssten. Ob wir aber in einer geschichtlichen Situation befi nden, in der die Lösung nur in einer von allen gemeinsam getragenen Selbstverpflichtung bestehen kann, darüber wird nie gesprochen, nach dem Motto: Gemusst werden muss, fragt sich nur was!

Variation 7: „Wir müssen“
Vielleicht steckt in dem „wir müssen“ einfach ein Befehl. Eigentlich hieße es dann: „Du musst ....“ oder „Du sollst ...“ Diese Hypothese ist schwer zu prüfen. Weder fragen Journalisten die Autoren von „Wir–müssen–Sätzen“ solche Dinge, noch habe ich oft Gelegenheit, selbst zu fragen. Vielleicht hilft das Verfahren der „sozialen Diagnose“, wie es Psychologen in Beratung, Therapie und Coaching anwenden: Wenn du erfahren willst, was jemand eigentlich meint, dann prüfe, was seine Aussage bei Dir auslöst an Erinnerungen, Bildern, Gestimmtheiten, Gefühlen, Gedanken. Zusammengefasst in einer Frage: Was sagt meine Seele dazu, wenn sie sprechen könnte? Meine Reaktion: Aggression gegen den Autor! Angst: Wenn Du nicht einsiehst, wirst Du gezwungen, wer nicht hören will, muss fühlen. Bestürzung: Ich bin dumm. Wie konnte mir entgehen, was so einfach auf der Hand liegt. Schuldbewusstsein: Die ganze Zeit am falschen Strick gezogen, dazu beigetragen, dass alles so schlimm gekommen ist. Empörung gegen Übergrifflichkeit: Zeig erst mal selbst, wie ernst Du es meinst, bevor du mich so in Beschlag nimmst

Variation 8: „Wir müssen!
Oft höre ich mächtige, einflussreiche Menschen gehäuft„ wir müssen“ – Reden halten. Warum benutzen mächtige Menschen solche Sätze? „Wir müssen den Staat verschlanken.“ „Wir müssen die Kosten senken.“ „Wir müssen Subventionen abbauen.“ Bitte sehr, denke ich, mach hin, leg los, hau rein! Wer hindert Dich in Deiner Rolle als Bundeskanzler, als Vorstandsvorsitzender, das zu tun, was Du für richtig erachtest? Du bist autorisiert durch Wähler, Kapitaleigner, Kunden etc.. Nutze Deine Macht, leg den Kurs fest! Nimm Deine Verantwortung ernst! Das Ergebnis Deiner Künste werde ich erleben und Dich danach beurteilen. Bist Du erfolgreich, darfst Du bleiben.“ Diese einfache Sicht der Dinge macht deutlich: Der ständige Gebrauch des kollektiven „wir müssen“ verstellt die klare Sicht auf die individuell zu tragende Verantwortlichkeit des Steuermanns. Sie verstellt die Sicht darauf, dass die Autorisierung zu allen zielführenden Handlungen bereits klar erteilt ist, und zwar solange, bis sie durch Neuwahlen, Kündigung des Auftrags etc. zurückgenommen wird.

Variation 9: „Wir müssen!“
Wenn es mit den Steuerkünsten nicht so hingehauen hat, sitzen die anderen nicht nur rein physisch mit im gleichen Boot, sondern dürfen sich auch noch in dem Gefühl baden, an ihrem Leid Mitschuld zu tragen. Vielleicht steckt in der Redewendung „wir müssen“ die tiefe, aber heimliche Einsicht der User, dass komplexe Systeme wie Unternehmen, Staaten, Kirchen, Kulturen und Volkswirtschaften im Grunde nicht steuerbar sind. Wenn es stimmt, dass die Entwicklung umfangreicher Sozialsysteme nicht mehr zuverlässig vorhersagbar ist, wie muss sich dann ein Steuermann fühlen? Wie soll er klarmachen, dass die positive Entwicklung wirklich auf seine Steuerkünste zurückzuführen ist? „ Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass die Zahl der Arbeitslosen halbiert worden ist. Bitte fragen Sie mich nicht, wie ich das geschafft habe, denn ich habe keine Ahnung.“ Das wäre sicher märchenhaft, was den Inhalt angeht, aber für das Selbstbild des Steuermanns nicht schmeichelhaft.

Variation 10: „Wir müssen!“
„ Wir müssen“ ist bei mir immer verknüpft mit „blood, sweat and tears“, man denke an Churchill und seine Reden als Kriegspremier in England. Vergleichbares in Deutschland war bei Roman Herzog zu vernehmen, der einen Ruck verlangte, natürlich sprach er in der kollektiven Form des Alle–müssens. „Wir müssen endlich ...“, und das aus dem Munde von Menschen, die jahrelang die Möglichkeit hatten, das umzusetzen, was sie jetzt ungeduldig als verdammte Pflichtschuldigkeit aller Beteiligten einfordern. Die großen Unternehmensberatungen, beispielsweise Roland Berger und McKinsey, sprechen in ihren Empfehlungen Sätze aus, die unsere liebgewordene Redewendung ergänzt mit dem Wörtchen „endlich“. „Wir müssen endlich...“ aus dem Munde von Beratern, die seit Jahr und Tag führende Personen aus Politik und Wirtschaft beraten! Welche Qualität müssen die Ratschläge gehabt haben, wenn sie in Situationen führen, in denen ruckartiges Handeln angesagt ist. Warum sollte ich den Rufen nach dem Ruck, nach den „wir müssen endlich und wieder...“–Veranstaltungen jetzt trauen?

Coda:
Wird nicht all das, was ruckartig vom Volkskörper verlangt wird, peu à peu über die Jahre zur nächsten Verkrampfung? Wird dann nicht landauf landab der Ruf erschallen: „Wir müssen endlich wieder locker werden!“?

 

Zitate über die Faust

Wer keine Hand hat, kann keine Faust machen.
(Deutsches Sprichwort)

Und wer vermag sein Herz in einer schönen Grenze zu halten, wenn die Welt mit Fäusten auf ihn schlägt.
(Friedrich Hölderlin, Briefe)

Das paßt wie die Faust auf‘s Auge.
(Deutsches Sprichwort)

Jemandem, der seine Hände immer zur Faust geballt hat, kannst du nicht die Hand geben.
(Derzeit noch unbekannt)

Zwar die brave Faust gewinnet, doch der Geist bewährt den Ruhm.
(Johann Wolfgang von Goethe,Requiem dem frohesten Mann des Jahrhunderts)

Man soll keine Faust im Sacke machen.
(Deutsches Sprichwort)

An die dumme Stirne gehört als Argument von Rechts wegen die geballte Faust Zu oft mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, bekommt der Faust schlechter als dem Tisch.
(Willy Brandt)

Wer seine Finger überall drin hat, kann im entscheidenden Moment nicht mit der Faust auf den Tisch hauen.