Über das kollektive Müssen
oder
10 Variationen über ein Thema von Ernst Jandl
Thema:
wenn einer mich strenge anschaut
wie ein Gedankenleser
sage ich gleich: ja, ich habe es getan
aber wenn er meine Gedanken wirklich lesen könnte
würde er dort ein großes NEIN lesen
für das mein Mund viel zu klein ist
der ist ja grad noch groß genug
für das kleine ja
Variation 1:Wir müssen!
Kirchenlenker, Staatsführer, Parteilenker, Unternehmensvorsteher,
Vereinspräsidenten, Stardirigenten, Malerfürsten, Leitartikler
und viele andere Menschen, die gerne
möchten, dass ich mir ihre Meinung bilde, lieben diesen Satzanfang: „Wir
müssen ...!“ Sie fügen hinzu, was „wir“ müssen.
Meistens müssen „wir“ von etwas mehr tun, gerne
auch ergänzt durch den Zusatz „wieder“. Beliebt
auch die Wendung, dass „wir“ etwas weniger tun müssen
oder gar nicht oder ganz anders als bisher. Alarmiert höre ich
zu, weil die Wortwahl mich aufgerüttelt hat. „Müssen“,
das klingt nach Notlage, Katastrophe, Dringlichkeit, äußerster
Wichtigkeit. „Wir“, dass klingt nach der Notwendigkeit,
alle Kräfte zu bündeln: Ich darf abseits stehen, will ich
mich nicht versündigen an der gemeinsam zu verantwortenden Schicksalsmeisterung.
Variation 2: Wir müssen!
Ich höre, bin alarmiert, aber nie sehe ich mich auf die Strasse
rennen, um mit heiligem Ernst meinen Teil des„ Müssens“ pflichtschuldigst
beizutragen. Nicht, dass mir grundsätzlich die
Bereitschaft fehlen würde, im übertragenen und im eigentlichen
Sinn des Wortes in die Hände zu spucken. Nein! Ich höre
mich Sätze sagen, die mit „nein“ beginnen. Mein
Herz erlaubt „wir“ als Wörtchen für meine Frau
und meine Kinder, für meine Verwandten, für meine Freunde
und für Kollegen, mit denen ich eng zusammenarbeite. Schließlich
handelt es sich, um einmal daran zu erinnern, bei dem „wir“ nicht
um das unpersönliche, sondern um das persönliches Fürwort
der ersten Person Plural.
Variation 3: Wir müssen!
Ich höre immer: „Du“ musst ..., und zwar anders
beten, wählen, arbeiten, CD´s kaufen, Bilder anschauen,
denken. Ich höre, dass ich verpflichtet werde! Ich höre,
dass ich umdenken, umhandeln, umfühlen soll. Ich höre:
Jetzt ist Schluss mit den alten Fehlern! Schluss mit Fehlern, die
auch ich begangen haben soll, die ganze Zeit, ohne es zu bemerken,
ich Trottel! Ich will nicht verantwortlich gemacht werden für
Notlagen, die ich nicht verursacht habe.
Variation 4: „Wir müssen!
Kaminabende, zu denen führende Unternehmensvertreter eingeladen
werden, um mit dem Management- Nachwuchs ins Gespräch zu kommen,
sind sehr beliebt im Rahmen von Führungsseminaren und High-potential-Schulungen.
Auf einem dieser Kaminabende referierte ein Personalchef zum Thema,
was ihn denn erfolgreich gemacht habe. Sein Patentrezept war „Flexibilität.“ Dementsprechend
unvermeidlich der Satz: „Wenn wir erfolgreich sein wollen,
müssen wir viel flexibler werden!“ Keiner der Teilnehmer
traute sich die Frage auszusprechen, die im Raum stand: „Wie
hältst Du es persönlich mit der Flexibilität?“ Wussten
doch alle, dass es in der Biographie dieses Managers keine Ortswechsel,
keine Auslandsaufenthalte, keine Themenwechsel, keine Firmenwechsel
gegeben hatte.
Variation 5: „Wir müssen“
Wenn es sich denn wenigstens um den pluralis maiestatis handeln würde,
der in dem Wörtchen „wir“ steckte. Dann wäre
ich Ohrenzeuge einer öffentlichen Selbstverpflichtung. Dann
hieße es: „Ich muss anders beten, wählen, arbeiten,
CD´s kaufen, Bilder anschauen, denken.“ Das wäre
aufregend, seine Majestät dabei zu beobachten, wie sie die Selbstverpflichtung
eingelöst, welche Erfahrungen seine Majestät mit dem selbst
auferlegten Änderungsprozess machen würde. Ich könnte
daraus für meine eigene Lebensführung lernen. Ich hätte
aber auch die Möglichkeit eines achselzuckenden „So what?“ Aber
ich höre nicht den pluralis maiestatis, auch keine Selbstverpflichtung.
Ich frage mich immer: Wozu braucht der mich bei seinem Müssen?
Warum wird mir nicht überlassen, selbst herauszufinden, was
gut ist.
Variation 6: „Wir müssen “
In den Medien wird bei Interviews nie gefragt, was der Autor dieser
Worte eigentlich mit dem “wir müssen“ meint. Geredet
wird darüber, was gemusst werden muss. Meistens spürt
man zwischen Interviewtem und dem Journalist eine Unterschiedlichkeit
in der Sache, also ob „wir“ vielleicht besser dieses
oder jenes müssten. Ob wir aber in einer geschichtlichen Situation
befi nden, in der die Lösung nur in einer von allen gemeinsam
getragenen Selbstverpflichtung bestehen kann, darüber wird
nie gesprochen, nach dem Motto: Gemusst werden muss, fragt sich
nur was!
Variation 7: „Wir müssen“
Vielleicht steckt in dem „wir müssen“ einfach ein
Befehl. Eigentlich hieße es dann: „Du musst ....“ oder „Du
sollst ...“ Diese Hypothese ist schwer zu prüfen. Weder
fragen Journalisten die Autoren von „Wir–müssen–Sätzen“ solche
Dinge, noch habe ich oft Gelegenheit, selbst zu fragen. Vielleicht
hilft das Verfahren der „sozialen Diagnose“, wie es Psychologen
in Beratung, Therapie und Coaching anwenden: Wenn du erfahren willst,
was jemand eigentlich meint, dann prüfe, was seine Aussage bei
Dir auslöst an Erinnerungen, Bildern, Gestimmtheiten, Gefühlen,
Gedanken. Zusammengefasst in einer Frage: Was sagt meine Seele dazu,
wenn sie sprechen könnte? Meine Reaktion: Aggression gegen den
Autor! Angst: Wenn Du nicht einsiehst, wirst Du gezwungen, wer nicht
hören will, muss fühlen. Bestürzung: Ich bin dumm.
Wie konnte mir entgehen, was so einfach auf der Hand liegt. Schuldbewusstsein:
Die ganze Zeit am falschen Strick gezogen, dazu beigetragen, dass
alles so schlimm gekommen ist. Empörung gegen Übergrifflichkeit:
Zeig erst mal selbst, wie ernst Du es meinst, bevor du mich so in
Beschlag nimmst
Variation 8: „Wir müssen!
Oft höre ich mächtige, einflussreiche Menschen gehäuft„ wir
müssen“ – Reden halten. Warum benutzen mächtige
Menschen solche Sätze? „Wir müssen den Staat verschlanken.“ „Wir
müssen die Kosten senken.“ „Wir müssen Subventionen
abbauen.“ Bitte sehr, denke ich, mach hin, leg los, hau rein!
Wer hindert Dich in Deiner Rolle als Bundeskanzler, als Vorstandsvorsitzender,
das zu tun, was Du für richtig erachtest? Du bist autorisiert
durch Wähler, Kapitaleigner, Kunden etc.. Nutze Deine Macht,
leg den Kurs fest! Nimm Deine Verantwortung ernst! Das Ergebnis Deiner
Künste werde ich erleben und Dich danach beurteilen. Bist Du
erfolgreich, darfst Du bleiben.“ Diese einfache Sicht der Dinge
macht deutlich: Der ständige Gebrauch des kollektiven „wir
müssen“ verstellt die klare Sicht auf die individuell
zu tragende Verantwortlichkeit des Steuermanns. Sie verstellt die
Sicht darauf, dass die Autorisierung zu allen zielführenden
Handlungen bereits klar erteilt ist, und zwar solange, bis sie durch
Neuwahlen, Kündigung des Auftrags etc. zurückgenommen wird.
Variation 9: „Wir müssen!“
Wenn es mit den Steuerkünsten nicht so hingehauen hat, sitzen
die anderen nicht nur rein physisch mit im gleichen Boot, sondern
dürfen sich auch noch in dem Gefühl baden, an ihrem Leid
Mitschuld zu tragen. Vielleicht steckt in der Redewendung „wir
müssen“ die tiefe, aber heimliche Einsicht der User, dass
komplexe Systeme wie Unternehmen, Staaten, Kirchen, Kulturen und
Volkswirtschaften im Grunde nicht steuerbar sind. Wenn es stimmt,
dass die Entwicklung umfangreicher Sozialsysteme nicht mehr zuverlässig
vorhersagbar ist, wie muss sich dann ein Steuermann fühlen?
Wie soll er klarmachen, dass die positive Entwicklung wirklich auf
seine Steuerkünste zurückzuführen ist? „ Ich
freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass die Zahl der Arbeitslosen
halbiert worden ist. Bitte fragen Sie mich nicht, wie ich das geschafft
habe, denn ich habe keine Ahnung.“ Das wäre sicher märchenhaft,
was den Inhalt angeht, aber für das Selbstbild des Steuermanns
nicht schmeichelhaft.
Variation 10: „Wir müssen!“
„ Wir müssen“ ist bei mir immer verknüpft mit „blood,
sweat and tears“, man denke an Churchill und seine Reden als Kriegspremier
in England. Vergleichbares in Deutschland war bei Roman Herzog zu vernehmen,
der einen Ruck verlangte, natürlich sprach er in der kollektiven Form des
Alle–müssens. „Wir müssen endlich ...“, und das aus
dem Munde von Menschen, die jahrelang die Möglichkeit hatten, das umzusetzen,
was sie jetzt ungeduldig als verdammte Pflichtschuldigkeit aller Beteiligten
einfordern. Die großen Unternehmensberatungen, beispielsweise Roland Berger
und McKinsey, sprechen in ihren Empfehlungen Sätze aus, die unsere liebgewordene
Redewendung ergänzt mit dem Wörtchen „endlich“. „Wir
müssen endlich...“ aus dem Munde von Beratern, die seit Jahr und Tag
führende Personen aus Politik und Wirtschaft beraten! Welche Qualität
müssen die Ratschläge gehabt haben, wenn sie in Situationen führen,
in denen ruckartiges Handeln angesagt ist. Warum sollte ich den Rufen nach dem
Ruck, nach den „wir müssen endlich und wieder...“–Veranstaltungen
jetzt trauen?
Coda:
Wird nicht all das, was ruckartig vom Volkskörper verlangt wird,
peu à peu über die Jahre zur nächsten Verkrampfung?
Wird dann nicht landauf landab der Ruf erschallen: „Wir müssen
endlich wieder locker werden!“?
Zitate über die Faust
Wer keine Hand hat, kann keine Faust
machen.
(Deutsches Sprichwort)
Und wer vermag sein Herz in einer schönen Grenze zu halten,
wenn die Welt mit Fäusten auf ihn schlägt.
(Friedrich Hölderlin, Briefe)
Das paßt wie die Faust auf‘s Auge.
(Deutsches Sprichwort)
Jemandem, der seine Hände immer zur Faust geballt hat, kannst
du nicht die Hand geben.
(Derzeit noch unbekannt)
Zwar die brave Faust gewinnet, doch der Geist bewährt den Ruhm.
(Johann Wolfgang von Goethe,Requiem dem frohesten Mann des Jahrhunderts)
Man soll keine Faust im Sacke machen.
(Deutsches Sprichwort)
An die dumme Stirne gehört als Argument von Rechts wegen die
geballte Faust Zu oft mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, bekommt
der Faust schlechter als dem Tisch.
(Willy Brandt)
Wer seine Finger überall drin hat, kann im entscheidenden Moment
nicht mit der Faust auf den Tisch hauen.