Handwerk als Selbstzweck
oder wer ist noch individuell?
Vor langen Jahren war eine Schreinerei noch eine Schreinerei,
mit allem Drum und Dran, Kunden, Aufträgen, harter
Arbeit und gerechtem Lohn. Sogar mit Perspektive, denn
aus der Bautischlerei wurde eine Tischlerei für Innenausbau
und individuelle Lösungen, natürlich für
jedermann. Das Unternehmen expandierte, der Partner nahm
den Handschlag, die Freude an der Arbeit und den Ergebnissen
war groß. Aber das ist Vergangenheit, an die in stillen
Momenten zwar gedacht wird, ohne Frust, noch optimistisch,
aber doch mit Wehmut.
Damals gab es vom Kunden für
die Gesellen noch Trinkgeld, weil die Arbeit so gut
war. Und damals zeigte der Geselle sein Stück
Arbeit noch der Zukünftigen, gern gesehen beim
Kunden, auch wenn die Zukünftige öfters
wechselte.
Damals hatten Meister und Gesellen
noch Spaß an der Arbeit, und manches Fass wurde
fröhlich geknackt.
Damals wurden Rechnungen sofort
bezahlt, ohne Meckern und Murren, korrekt wie das
Ergebnis.
Damals war von innerer Unruhe keine
Spur.
Heute gibt es nur noch Beiträge,
Nebenkosten, Verordnungen, unnötige Gesetzte,
Vorschriften ohne Ende, VOB und BGB, Gewährleistung
hier, Bürgschaft da, Einbehalt und unmenschliche
Fristen, oft ist das eine Bein bei manchen Aufträgen
schon im Knast. Wenn heute ein Kunde mit einem Auftrag „droht“,
ist das oft eine Bedrohung, Arbeit macht keine Freude
mehr, sondern Angst. Angst, zu versagen, und vor
allen Dingen Angst vor finanzieller Strafe. Seit
einiger Zeit herrscht in der Tischlerei eine ungesunde
Atmosphäre, alle haben die Schnauze gestrichen
voll, jeder grübelt, was er eigentlich noch
macht und warum.
Eigentlich wollten wir doch nur
gute Möbel bauen! Morgen werden neue Overalls
gekauft und unser Logo ist die Faust!