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Handwerk als Selbstzweck
oder wer ist noch individuell?



Vor langen Jahren war eine Schreinerei noch eine Schreinerei, mit allem Drum und Dran, Kunden, Aufträgen, harter Arbeit und gerechtem Lohn. Sogar mit Perspektive, denn aus der Bautischlerei wurde eine Tischlerei für Innenausbau und individuelle Lösungen, natürlich für jedermann. Das Unternehmen expandierte, der Partner nahm den Handschlag, die Freude an der Arbeit und den Ergebnissen war groß. Aber das ist Vergangenheit, an die in stillen Momenten zwar gedacht wird, ohne Frust, noch optimistisch, aber doch mit Wehmut.

Damals gab es vom Kunden für die Gesellen noch Trinkgeld, weil die Arbeit so gut war. Und damals zeigte der Geselle sein Stück Arbeit noch der Zukünftigen, gern gesehen beim Kunden, auch wenn die Zukünftige öfters wechselte.

Damals hatten Meister und Gesellen noch Spaß an der Arbeit, und manches Fass wurde fröhlich geknackt.

Damals wurden Rechnungen sofort bezahlt, ohne Meckern und Murren, korrekt wie das Ergebnis.

Damals war von innerer Unruhe keine Spur.

Heute gibt es nur noch Beiträge, Nebenkosten, Verordnungen, unnötige Gesetzte, Vorschriften ohne Ende, VOB und BGB, Gewährleistung hier, Bürgschaft da, Einbehalt und unmenschliche Fristen, oft ist das eine Bein bei manchen Aufträgen schon im Knast. Wenn heute ein Kunde mit einem Auftrag „droht“, ist das oft eine Bedrohung, Arbeit macht keine Freude mehr, sondern Angst. Angst, zu versagen, und vor allen Dingen Angst vor finanzieller Strafe. Seit einiger Zeit herrscht in der Tischlerei eine ungesunde Atmosphäre, alle haben die Schnauze gestrichen voll, jeder grübelt, was er eigentlich noch macht und warum.

Eigentlich wollten wir doch nur gute Möbel bauen! Morgen werden neue Overalls gekauft und unser Logo ist die Faust!

Michael Davids
 

Tischlermeister,
Kamp-Lintfort


Schon in jungen Jahren war Holz für Michael Davids etwas Besonderes. Es roch gut, ließ sich auch mit stumpfen Messern bearbeiten und jedes Stück war anders. Heute, als Tischlermeister, vermisst er oft den Kundenwunsch an das Ursprüngliche im Holz, das Natürliche, das individuelle Ergebnis. Vieles ist genormt, durch künstliche Materialien ersetzt worden. Der Mensch würdigt das gewachsene Stück Natur nur noch selten, Funktionalität auf Deubel komm raus. Während dieser erzählten Erinnerung
blickt er auf seine Tischlerhände und träumt von alten, holzigen Zeiten. Vom Schnitzmesser im Schaukelstuhl. Aber bis dahin, verspricht er, werde ich noch geniale Möbel bauen!

 

 

...über den Sinn
von Trinkgeld!