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Die Beschisskette zum Reißen bringen
Eine Gruppe Handwerker vom Niederrhein hat eine kleine Revolution angezettelt: Sie wollen wieder ehrlich arbeiten und einen ehrlichen Preis dafür verlangen
Von unserem Mitarbeiter Christian Sywottek

Wollen klare Verhältnisse und ihr Geld sauber verdienen: Thomas Berger und seine Mitstreiter


Das Erste, was diese Firma zu ihren Kunden sagt, ist, dass sie die Schnauze voll hat. Kaum schafft man die Drehtür ins Geschäftsgebäude, springt einen die Faust an. Kopfgroß, silberfarben, rot umrandet auf blauem Grund. "Wir haben die Schnauze voll!", steht darüber auf einem mannshohen Ständer neben der Besuchertheke.
Ein paar Schritte weiter sitzt der Chef an einem Schreibtisch und zeigt seinen Rücken. Der Chef heißt Thomas Berger. So wie seine Firma in Kamp-Lintfort am Niederrhein. Glas-Licht-Metall. Bergers 65 Mitarbeiter fertigen Leuchtreklamen, Glasfassaden, Messestände, Wintergärten. Seit 101 Jahren ist sein Betrieb am Markt. Doch nun scheint der Mann verrückt geworden zu sein.
Thomas Berger steht auf, entfaltet seine Größe, und wie er so dasteht ist klar: Es muss einiges passieren, bis Berger explodiert vor Wut. Doch Wut macht erfinderisch. So hat Berger eine kleine Revolution angezettelt. Zumindest für den Handwerkermarkt. Berger will nicht mehr bescheißen. Und er will nicht mehr beschissen werden. Das sagt er seinen Kunden ins Gesicht - noch bevor er überhaupt den Mund aufmacht.
Thomas Berger, 44, hat genug vom üblichen Geschäftsgebaren nach dem Motto "Geiz ist geil". "Wir haben uns lange auf den verbindlichen Handschlag zwischen Kunden und Handwerksmeister verlassen können", sagt Berger, "das gibt's seit gut drei Jahren nicht mehr. Normal sind heute 60-seitige Verträge bei einem Auftragsvolumen von 5000 Euro, ungerechtfertigte Reklamationen, willkürliche Rechnungskürzungen, unzumutbarer Zahlungsverzug."
Berger hat Außenstände von 850 000 Euro, das ist etwas mehr, als er in einem Monat umsetzt. "Ich habe keinen Spaß mehr an der Arbeit", meint der studierte Physiker. "70 Prozent der Zeit geht für Sachen drauf, die mit meiner Arbeit nichts zu tun haben." Streit mit Rechtsanwälten, Mahnschreiben, Nachfragen, Telefonate mit säumigen Kunden, Diskussionen mit Bauleitern. "Ich will nicht mehr." So einfach klingt Bergers Satz.
Er weiß, dass Handwerker und Mittelständler, aus Angst, Kunden zu vergraulen und Aufträge zu verlieren, es sehen wie er, aber trotzdem mitspielen und schließlich Pleite gehen. Doch er weiß auch: "Wenn wir jetzt nichts tun, dann sterben wir eben auf Raten."
Ende April hat er die Aktion "Schnauze voll!" gestartet. Er suchte sich Gleichgesinnte - eine Druckerei, eine Tischlerei, ein Sicherheitsunternehmen, Betriebe mit etwa 20 Mitarbeitern. Und Jürgen Vogdt, Künstler und Unternehmensberater, einen Mann mit Kontakten und Ideen. Gemeinsam haben sie das Plakat gefertigt, eine Homepage entworfen und eine Faust in Bronze gegossen, 2,1 Kilogramm schwer.
Die Faust steht jetzt auf den vier Schreibtischen der Chefs, als Erinnerung daran, dass sie nicht mehr klein beigeben wollen. An den Revers ihrer Jackets steckt eine kleine Faust im Knopfloch. Damit jeder sehen kann, wie sie drauf sind. Auch ihre Kunden. Dass sie nur arbeiten wollen, wenn man einander vertraut, wenn Fairness herrscht.
Die Revolution breitet sich nur langsam aus, durch jedes Gespräch, das die Unternehmer mit einem Kunden führen. Und dabei sagen, dass sie keine faulen Kompromisse mehr akzeptieren wollen. Das ist riskant, doch die Neinsager vom Niederrhein haben Erfolg. Nur wer es ernst meint, wird ernst genommen.
Das hat auch Gerd Pousen erfahren. Pousen, 42, Bergers Verkäufer. Er kennt das erniedrigende Gefühl, im Preis gedrückt zu werden. Und die Streitereien vor Gericht, die schlechten Vergleiche, die man hinnimmt, weil man keine Zeit und kein Geld hat, um sein Recht bis zur letzten Instanz einzuklagen. Er kennt dieses Spiel der "Bubis, die nach oben wollen, die um jeden Preis Ausgaben sparen, um sich bei ihren Chefs einzuschleimen".
Neulich hat Pousen bei einem Auftrag über 140 000 Euro einfach Nein gesagt. Sie hatten ihm einen Vertrag zur Unterschrift vorgelegt, in dem stand, dass die Summe erst drei Monate nach der Abnahme fließen sollte. "Der Buchhalter ging ab wie ein Zäpfchen", grinst er. Rausgeschmissen habe er ihn, "aber ich fühlte mich gut". Drei Tage später riefen sie an und gaben den Auftrag. Das Geld kam drei Tage nach Abnahme.
Auch Günter Hövelmann hat sich getraut, der Chef der Druckerei Eul & Günther. Er hat Aufträge abgelehnt, seit Jahren das erste Mal. 3000 Euro Umsatz gingen ihm verloren. Als ihm ein alter Kunde absprang, weil er bei einem Konkurrenten nur 12 000 Euro statt 12 500 Euro zahlen musste, hat sich Hövelmann sorgenvoll gewunden. "Früher haben wir immer mitgeboten im Abwärtskarussel", sagt er, "aber das wollen wir ja nicht mehr." Er rief seinen Faust-Berater Jürgen Vogdt an. Sie übten das Gespräch am Telefon. Am nächsten Tag sprach Hövelmann mit dem Kunden und gewann ihn zurück. "Wir müssen uns erklären können", sagt Hövelmann heute.
Andere Handwerker wollen mitmachen bei "Schnauze voll!". Auch die Handwerkskammer Düsseldorfer hat sich der Aktion ganz offiziell angeschlossen, will Symposien zum Thema Fairness organisieren. Und die Präventionsabteilung der Polizei Wesel schleppt die Faust in die Schulen, wenn sie dort zum Kampf für Fairness aufruft. Doch einige sind überrascht, dass sich der Aufruhr nicht nur nach außen richtet. "Neulich rief eine Baufirma bei mir an und wollte die Faust kaufen", wundert sich Jürgen Vogdt, "aber die gibt's nur gegen Leistung." Denn wer fair behandelt werden will, muss ebenso fair handeln.
" Die Handwerker sind zur Hälfte selbst schuld, dass die Sitten so verlottern", sagt Vogdt, "die waren ja lange Zeit so was von satt." Was man eben so kennt. Teuer, schlechte Qualität, Dreck und Rücksichtslosigkeit, Unpünktlichkeit. "Für Mittwoch zusagen, aber den überübernächsten Mittwoch meinen", sagt Thomas Berger und winkt ab. Er kennt das aus eigener Erfahrung. "Wenn mal ein Kunde absprang", erzählt Günter Hövelmann, "hat uns das nicht groß gekümmert. Die Bücher waren ja voll."
Die Zeiten sind vorbei und die Stimmung ist verdorben. Die Beschisskette zieht sich vom Auftraggeber über Projektfirmen bis hin zu den Zulieferern. "Auch wir haben unsere Lieferanten getriezt", gesteht Thomas Berger, "für jeden Quark fünf Angebote reinholen und dann Stress machen." Einmal hat er seine Monteure durch einen billigeren Subunternehmer ersetzt. "Ein Sklavenhandel war das", sagt Berger jetzt, "ich will gar nicht mehr dran denken."
Berger will nicht mehr mitspielen. Seine Kunden sollen im Internet jederzeit die auflaufenden Kosten kontrollieren. Er wird seine sieben Montagetrupps nicht in die Scheinselbstständigkeit auslagern, nicht in Polen produzieren lassen. "Wir wollen zurück zu den alten Werten", sagen Berger und die anderen Faust-Kämpfer. Wenn sie "Schnauze voll!" durchhalten, werden sie sich die alten Werte auch wieder leisten können.


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