Ein
paar Handwerker vom Niederrhein haben genug von Betrug, unbezahlten
Rechnungen, schlechter Arbeit - sie sagen: "Schnauze voll!"
Das
erste, was diese Firma zu ihren Kunden sagt, ist, dass sie die
Schnauze voll hat. Noch bevor sich jemand blicken lässt.
Kaum schafft man die Drehtür ins Geschäftsgebäude und geht ein paar Schritte über
den grauen Teppichboden, springt einen die Faust an. Kopfgroß, silberfarben,
rot umrandet auf blauem Grund. "Wir haben die Schnauze voll", steht darüber,
mit Ausrufezeichen, auf einem mannshohen Ständer neben der Besuchertheke. Ein
paar Schritte weiter sitzt der Chef an einem Schreibtisch und zeigt seinen
Rücken.
Der Chef heißt Thomas Berger. So wie seine Firma in Kamp-Lintfort am Niederrhein.
Glas-Licht-Metall. Berger fertigt Leuchtreklamen, Glasfassaden, Messestände,
Kneipentresen, Wintergärten, Türen, und wenn es sein soll, auch eine Weltkugel
von 18 Metern Durchmesser mit gegenläufig rotierendem Saturn.
Der Mann kann was. Er hat 65 Mitarbeiter. Seit 101 Jahren gibt es den Betrieb.
Und nun scheint der Mann verrückt geworden zu sein. Wie will er weiterhin Geschäfte
machen, wenn er seine Kunden vergrault? Thomas Berger dreht sich um, steht
auf, tritt näher. Ein großer Mann ist das, ein schwerer Körper mit kräftigen
Armen und einer festen Stirn. Es muss einiges passieren, bis Berger explodiert.
Doch vor weni-gen Wochen war es so weit. Bergers Wut wurde zu groß.
Eine
Faust aus Bronze
Wut macht erfinderisch. So hat der Berger vom Niederrhein eine kleine Revolution
angezettelt. Zumindest für den Handwerkermarkt. Berger will nicht mehr bescheißen.
Und er will nicht mehr beschissen werden. Das sagt er seinen Kunden ins Gesicht.
Noch bevor er überhaupt den Mund auf-macht. Thomas Berger, 44, hat genug vom üblichen
Geschäftsgebaren nach dem Motto "Geiz ist geil - billigbillig".
" Wir haben uns lange auf den verbindlichen Handschlag zwischen Kunden und Handwerksmeister
verlassen können", sagt Berger, "das gibt's seit gut drei Jahren nicht mehr.
Normal sind heute 60-seitige Verträge bei einem Auftragsvolumen von gerade mal
5000 Euro, ungerechtfertigte Reklamationen, Rechnungskürzungen aus Willkür, unzumutbarer
Zahlungsverzug, Zahlungsverweigerung."
Die schlechte Zahlungsmoral ist in Deutschland der Grund für 80 Prozent aller
Handwerkerpleiten. Schuldenmachen gilt inzwischen bei Auftraggebern als strategische
Aufgabe. Jeder dritte Auftrag wird nicht mehr wie vereinbart bezahlt.
Berger
hat Außenstände von 850 000 Euro, das ist etwas mehr, als er in
einem Monat umsetzt. Er sagt, das gehe ihm finanziell nicht an
die Substanz. "Aber ich habe keinen Spaß mehr an der Arbeit", meint
der studierte Physiker. "70 Prozent der Zeit geht für Sachen drauf,
die mit meiner Arbeit nichts zu tun haben." Streit mit Rechtsanwälten,
Mahnschreiben, Nachfragen, Telefonate mit säumigen Kunden, Diskussionen
mit Bauleitern.
" Ich werde langsam krank", sagt Berger. "Ich will nicht mehr." So einfach klingt
Bergers Satz. Doch Berger ist einer der wenigen, die nicht nur "nicht" sagen,
sondern es auch tun. Ganz öffentlich. Während andere Handwerker und Mittelständler
klagen und trotzdem mitspielen beim großen Betrug, aus Angst, Kunden zu vergraulen,
Aufträge zu verlieren und schließlich Pleite zu gehen. Berger sagt: "Wenn wir
jetzt nichts tun, dann sterben wir eben auf Raten."
Ende April hat er die Aktion "Schnauze voll!" gestartet. Er suchte sich Gleichge-sinnte
- eine Druckerei, eine Tischlerei, ein Sicherheitsunternehmen, Betriebe mit
etwa 20 Mitarbeitern. Und Jürgen Vogdt aus dem Örtchen Labbeck, Künstler, Philosoph
und Unternehmensberater, einen Mann mit Kontakten und Ideen. Berger hat ein
großes Plakat gefertigt und an seine Firmenwand gepinnt, zur Straße hin, wo
täglich rund 12 000 Autofahrer vorbeidröhnen. So dass jeder lesen kann, dass
bei ihm keiner mehr anzukommen braucht, der nichts anderes zu tun hat, als
ungerechtfertigt die Preise zu drücken. Dann bastelte er eine Homepage zur
Aktion.
Schließlich gossen die vier Unternehmer die Faust in Bronze. 2,1 Kilogramm
ist sie schwer. Sie schimmert im Licht. Sie fasst sich gut an, so wie das Bronze-Nilpferd
auf Bergers Schreibtisch, das er seit Jahren in die Hand nimmt, wenn er mal
eine Auszeit braucht.
Die Faust steht jetzt auf den vier Schreibtischen der vier Chefs, als Erinnerung
daran, dass sie nicht mehr klein beigeben wollen. An den Revers ihrer Jackets
steckt eine kleine Faust im Knopfloch. Damit jeder sehen kann, wie sie drauf
sind. Auch ihre Kunden. Dass sie nur arbeiten wollen, wenn man einander vertraut,
wenn Fairness herrscht. Die Revolution findet statt hinter den geschlossenen
Türen der Besprechungszimmer. Sie breitet sich nur langsam aus, durch jedes
Gespräch, dass die Unternehmer mit einem Kunden führen.
Faule Kompromisse nicht mehr zu akzeptieren, ist gefährlich. Wer den Bogen über-spannt,
ist raus aus dem Rennen um den Auftrag, vielleicht auch beim nächsten Mal.
Oder für immer.
Doch die Neinsager vom Niederrhein haben Erfolg. Nur wer es ernst meint, wird
ernst genommen. Das hat auch Gerd Pousen erfahren. Pousen, 42, ist bei Berger
für den Verkauf zuständig. Er kennt das erniedrigende Gefühl, im Preis gedrückt
zu werden, und später für herbeigeredete Mängel zu haften, sich vor Gericht
auf einen schlechten Vergleich einigen zu müssen, obwohl man zwar Recht hat,
aber nicht die Zeit, um das Geld bis zur letzten Instanz einzuklagen. Er kennt
dieses Spiel der "Bubis, die nach oben wollen, die um jeden Preis Ausgaben
sparen, um sich bei ihren Chefs einzuschleimen".
"Jeder
Mensch will Harmonie"
Pousen traut sich inzwischen, auf Augenhöhe zu verhandeln. Geht der Auftrag
verloren, könne man eben nichts machen, sagt sein Chef. Zumindest halst man
sich nicht noch mehr Ärger auf.
Doch Pousen gewinnt. Zum Beispiel einen Auftrag für 140 000 Euro, eine Fassade
in Darmstadt. Pousen lächelt, wenn er an die Verhandlungen zurückdenkt. Als
er den Vertrag unterschreiben sollte, stand da plötzlich etwas von extra hohen
Vertrags-strafen, und der Lohn sollte erst drei Mona-te nach der Abnahme fließen.
Pousen hat einfach "Nein" gesagt. Und nochmal "Nein." Und nochmal. "Der Buchhalter
ging ab wie ein Zäpfchen", grinst er, "aber ich fühlte mich gut." Rausgeschmissen
haben sie ihn. Drei Tage später riefen sie an und gaben den Auftrag. Das Geld
kam drei Tage nach Abnahme.
" Jeder Mensch will Harmonie finden", meint Pousen. Er sagt, wer das Ritual durchbricht,
kommt schneller zum Ziel. Und dass er manchmal die Erleichterung gesehen hat
in den Gesichtern auf der anderen Seite des Verhandlungstisches, als deutlich
wurde, dass man mal Klartext reden kann.
Auch Günter Hövelmann hat sich getraut, der Chef der Druckerei Eul & Günther.
Er hat Aufträge abgelehnt, seit Jahren das erste Mal. Ein Verlust von 3000
Euro Umsatz ist nicht viel für Hövelmann, aber es ist ein Anfang.
Als ihm ein alter Kunde absprang, weil er bei einem Konkurrenten nur 12 000
Euro statt 12 500 Euro zahlen musste, hat sich Hövelmann sorgenvoll hin- und
hergewälzt. "Früher haben wir immer mitgeboten im Abwärtskarussell", sagt er, "aber
das wollen wir ja nicht mehr."
Angst hatte er vor der Konfrontation, rief seinen Faust-Berater Jürgen Vogdt
an. Sie übten das Gespräch am Telefon. Am nächsten Tag sprach Hövelmann mit
seinem Absprungkandidaten und gewann ihn zurück. "Wir müssen uns erklären können",
sagt Hövelmann heute.
Die Faust macht am Niederrhein die Runde. Andere Handwerker wollen mitmachen
bei "Schnauze voll!". Doch einige sind überrascht, dass sich die kleine Revolution
nicht nur nach außen richtet, gegen die bösen Auftraggeber, denen mal ordentlich
der Kopf gewaschen werden muss. "Neulich rief eine Baufirma bei mir an und
wollte die Faust kaufen", wundert sich Jürgen Vogdt, "aber die gibt's nur gegen
Leistung."
Denn wer fair behandelt werden will, muss ebenso fair handeln. "Die Handwerker
sind zur Hälfte selbst schuld, dass die Sitten so verlottern", sagt Vogdt, "die
waren ja lange Zeit so was von satt." Was man eben so kennt. Teuer, schlechte
Qualität, Dreck und Rücksichtslosigkeit. Unangemeldet besonders teures Material
verbauen und dann die Rechnung präsentieren. Sich stur stellen, wenn es Reklamationen
gibt. Unpünktlichkeit. "Für Mittwoch zusagen, aber den überübernächsten Mittwoch
meinen", sagt Thomas Berger und winkt ab, er kennt das aus eigener Erfahrung.
Günter Hövelmann verleugnet die bequemen alten Zeiten nicht: "Was haben wir
vor Jahren noch aus dem Vollen geschöpft. Wenn da mal ein Kunde absprang, hat
uns das nicht groß gekümmert. Die Bücher waren ja voll." Die Zeiten sind vorbei,
und die Stimmung ist verdorben. Die Beschisskette zieht sich vom Auftraggeber über
Projektfirmen wie Berger bis hin zu den Zulieferern von Schrauben und Glas.
Keiner traut keinem. "Jeder versucht jeden zu betuppen", gibt Gerd Pousen zu.
Wer abgezogen wird, muss andere abziehen, um auf sein Geld zu kommen.
Drücken, ausquetschen, ausnutzen. "Auch wir haben unsere Lieferanten getriezt",
gesteht Thomas Berger, "für jeden Quark fünf Angebote reinholen und dann Stress
machen." Angesetzte Stunden streichen. Einmal hat er seine Monteure durch einen
Subunternehmer ersetzt. Der war nur halb so teuer wie die eigenen Leute. "Ein
Sklavenhandel war das", sagt Berger jetzt, "ich will gar nicht mehr dran denken."
Berger will nicht mehr mitspielen. Seine Kunden können im Internet jederzeit
einen erteilten Auftrag und die auflaufenden Kos-ten kontrollieren. Er wird
seine sieben Montagetrupps nicht in die Scheinselbstständigkeit auslagern,
nicht in Polen produzieren lassen. Er hat noch nie jemanden gefeuert, und hat
das auch nicht vor. Er hat seinen Monteuren gesagt, sie sollen sich wehren,
wenn ihnen der Chef nicht genug Zeit gibt für ihre Arbeit.
" Wir wollen zurück zu den alten Werten", sagen Berger und die anderen Faust-Kämpfer.
Wenn sie "Schnauze voll!" durch-halten, werden sie sich die alten Werte auch
leisten können.